0,1 Punkte Vorsprung: Warum die Gen Z der Bank-Beratung noch vertraut — und was sie der KI voraus hat
Auf einer Skala von eins bis fünf vertrauen Schweizer Anleger ihrem Bankberater bei Anlageempfehlungen mit 3,7 Punkten. Finfluencern mit 1,9. Das ist ein beruhigender Abstand, und die meisten Banken werden ihn so lesen: Das Vertrauen ist da, die Beratung bleibt der Anker.
Dann kommt die zweite Zahl. Bei Anlegerinnen und Anlegern der Generation Z beträgt der Vorsprung der Bankberatung gegenüber einer KI noch 0,1 Punkte.
Ein Zehntel. Das ist kein Vorsprung mehr, das ist eine Messungenauigkeit. Und es ist die wichtigste Zahl, die das Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern dieses Jahr veröffentlicht hat — weil sie zeigt, wie Vertrauen in einer Bank tatsächlich entsteht. Nicht durch Kompetenz allein. Durch Erreichbarkeit im Moment der Frage.
Was die Befragung zeigt
Andreas Dietrich, Reto Rey und Beat Bühlmann haben im Februar 2026 zusammen mit finpension und Demoscope 1'016 Personen zwischen 18 und 79 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz befragt, repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Sprachregion. Die Kernbefunde:
| Befund | Zahl |
|---|---|
| Vertrauen in Bankberater bei Anlageempfehlungen, alle Altersgruppen | 3,7 von 5 |
| Vertrauen in Finfluencer, alle Altersgruppen | 1,9 von 5 |
| Vorsprung Bankberater vor Finfluencern — Babyboomer | 2,4 Punkte |
| Vorsprung Bankberater vor Finfluencern — Generation Z | 0,7 Punkte |
| Vorsprung Bankberater vor KI — Generation Z | 0,1 Punkte |
| Anteil der Gen-Z-Anleger, die schon einmal Finfluencer genutzt haben | 61 % |
| Anteil, der KI als wichtige Informationsquelle bezeichnet, alle Altersgruppen | 18 % |
Die Autoren ziehen ein vorsichtiges Fazit: Bankberater bleiben der Vertrauensanker, Finfluencer sind ein Nischenphänomen, die eigentliche Entwicklung ist eine wachsende Vielfalt der Informationsquellen — kein Ersatz der Beratung. Das ist korrekt. Und es ist trotzdem die beruhigende Lesart einer Zahl, die nicht beruhigen sollte.
Warum 0,1 Punkte keine Kompetenzlücke sind
Niemand in der Generation Z glaubt, dass ein Sprachmodell die Vorsorgesituation besser beurteilt als eine ausgebildete Beraterin mit zwanzig Jahren Erfahrung. Das Vertrauen in die KI ist nicht gewachsen, weil die KI klüger geworden wäre als die Bank. Es ist gewachsen, weil die KI eine Eigenschaft hat, die der Bankberater nicht hat: Sie ist da, wenn die Frage kommt.
Die Frage kommt am Sonntagabend, wenn die Säule-3a-Einzahlung ansteht. Sie kommt um 23 Uhr, wenn ein Freund von einem ETF erzählt hat. Sie kommt im Zug, wenn der Lohn eingegangen ist und 2'000 Franken übrig sind. In jedem dieser Momente gibt es genau eine Instanz, die sofort antwortet, geduldig nachfragt, keine Termine braucht und nicht wertet. Und es gibt eine zweite, die montags um neun erreichbar ist, nach drei Anrufen, mit einem Termin in zehn Tagen.
Vertrauen folgt der Verfügbarkeit. Wer in den Momenten der Frage nie anwesend ist, verliert nicht an Kompetenz — er verliert die Gelegenheit, sie zu zeigen.
Die Befragung enthält einen Befund, der das stützt: Menschen, die KI und Finfluencern mehr vertrauen, vertrauen Bankberatern tendenziell weniger. Vertrauen ist in dieser Generation keine Addition, sondern eine Verteilung. Es geht dorthin, wo die Antwort war. Und 61 Prozent der jungen Anleger haben sich die Antwort mindestens einmal bei einem Finfluencer geholt — nicht, weil sie der Bank misstrauen, sondern weil die Bank in diesem Moment nicht vorkam.
Das ist die Verfügbarkeitslücke. Und sie ist für Banken eine viel bessere Nachricht als eine Kompetenzlücke — weil sie sich schliessen lässt.
Was die KI dem Berater voraus hat — und was nicht
Drei Dinge, die eine KI im Anlagegespräch liefert und die junge Anleger offensichtlich schätzen:
- Sofort. Keine Wartezeit zwischen Frage und Antwort. Die Absicht wird im Moment ihres Entstehens bedient.
- Ohne Schwelle. Keine Vorbereitung, keine Hemmung, eine «dumme» Frage zu stellen, kein Gefühl, jemandem Zeit zu stehlen.
- Ohne Agenda. Die KI verkauft nichts. Ob das stimmt, ist zweitrangig — die junge Generation nimmt es so wahr.
Und drei Dinge, die sie nicht liefert und die bei 3,7 Punkten Vertrauen über alle Altersgruppen den Unterschied machen:
- Verantwortung. Niemand haftet für die Antwort. Niemand ruft an, wenn der Markt fällt.
- Kontext. Die KI kennt die Situation, die ihr geschildert wurde. Der Berater kennt die Familie, die Hypothek, die Erbschaft, das Unternehmen.
- Beziehung. Eine Empfehlung von jemandem, der in fünf Jahren noch da ist, wiegt anders als eine aus einem Chatfenster.
Die Bank, die gewinnt, ist nicht die mit dem besseren Modell und nicht die mit dem besseren Berater. Es ist die, die die erste Liste mit der zweiten verbindet: sofort, ohne Schwelle, ohne Agenda — und mit Verantwortung, Kontext und Beziehung dahinter.
Die Verbindung: KI antwortet, Berater übernimmt
Dietrich und seine Kollegen schreiben, die Bank solle KI einsetzen, um relevante Informationen bereitzustellen und Routine abzunehmen, damit mehr Raum für persönliche Unterstützung entsteht. Ich würde einen Schritt weitergehen: Die KI sollte nicht nur Raum schaffen. Sie sollte den Weg in diesen Raum bauen.
Wie Verfügbarkeit zu Vertrauen wird
22:40
22:48
22:49
18:00
In dieser Kette ist die KI nicht der Konkurrent des Beraters. Sie ist sein Empfang. Sie nimmt die Frage dort an, wo sie entsteht, und bringt sie dorthin, wo sie beantwortet werden sollte — zu einem Termin bei einem Menschen. Ohne diesen letzten Schritt bleibt die KI der Bank genau das, was ChatGPT auch ist: eine Antwort ohne Beziehung. Mit ihm wird sie zum einzigen Kanal, über den die Bank sonntags um 22:40 jemanden gewinnen kann.
Nicht nur der Kundenberater
Ein dritter Punkt aus der HSLU-Auswertung verdient mehr Aufmerksamkeit, als er bekommt: Die Beziehung zur Bank wird nicht nur vom fest zugeordneten Berater geprägt, sondern von Beratungsteams, Hypothekarspezialisten und Mitarbeitenden im Kundenservice.
Das ist für die Verfügbarkeitslücke entscheidend. Der fest zugeordnete Berater ist einer. Er hat einen Kalender, Ferien, Abende. Wenn die Bank nur über ihn erreichbar ist, bleibt sie an den meisten Momenten der Frage unerreichbar. Wenn die KI aber auf ein Team routen kann — auf die Vorsorgespezialistin am Dienstagabend, den Hypothekarspezialisten am Samstagmorgen, den Kundenservice jetzt —, dann ist «ein Mensch von der Bank» plötzlich fast so verfügbar wie die KI selbst. Das ist der Moment, in dem die 0,1 Punkte wieder wachsen.
Der Verfügbarkeits-Test
Eine Frage, die jede Geschäftsleitung im Retail Banking beantworten können sollte: Wie lange dauert es bei uns von einer Frage am Sonntagabend bis zu einem bestätigten Gespräch mit einem Menschen?
Wenn die Antwort «Montag ab 8 Uhr telefonisch, Termin je nach Verfügbarkeit» lautet, ist die KI der Bank — egal wie gut sie ist — eine Sackgasse. Und der junge Anleger ist bis Montag bei jemand anderem gewesen.
Was ich an der Zahl bemerkenswert finde
Die Bankberatung hat über alle Generationen hinweg einen Vertrauensvorsprung, den sich kaum eine andere Branche leisten kann. 3,7 von 5, mit Abstand vor allen Alternativen. Dieser Vorsprung ist über Jahrzehnte entstanden — und er ist bei der jüngsten Generation innerhalb von zwei Jahren auf ein Zehntel geschmolzen. Nicht, weil die Beratung schlechter geworden wäre. Sondern weil zum ersten Mal etwas anderes im Moment der Frage anwesend war.
Die Bank kann diesen Moment zurückholen. Sie hat den besseren Menschen dafür. Sie muss ihn nur dorthin bringen, wo die Frage gestellt wird — und das ist nicht die Filiale um zehn Uhr morgens.
Takeaway
Bankberater geniessen bei Anlageempfehlungen 3,7 von 5 Vertrauenspunkten — bei der Generation Z liegt die KI nur 0,1 Punkte dahinter. Das ist keine Kompetenzlücke, sondern eine Verfügbarkeitslücke: Die KI ist da, wenn die Frage kommt; der Berater nicht. Vertrauen folgt der Verfügbarkeit. Die Antwort ist nicht weniger KI und nicht mehr Berater, sondern die Verbindung: Die KI der Bank nimmt die Frage am Sonntagabend an, erkennt die Entscheidungsabsicht und bucht einen bestätigten Termin bei einem Menschen aus dem richtigen Team — mit dem Dialog im Gepäck. Dort zeigt der Berater, was keine KI kann: Kontext, Verantwortung, Beziehung. Und die 0,1 Punkte wachsen wieder.
Quellen
Andreas Dietrich, Reto Rey, Beat Bühlmann (Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ, Hochschule Luzern), «Bankberater bleiben Vertrauensanker Nr. 1 — KI und Finfluencer gewinnen bei Jungen aber an Bedeutung», IFZ Retail Banking Blog, 28. September 2026. Repräsentative Online-Befragung von 1'016 Personen zwischen 18 und 79 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz, durchgeführt im Februar 2026 in Zusammenarbeit mit finpension und Demoscope. Alle Vertrauenswerte, Generationenvergleiche, Nutzungsanteile und Befunde zur Verteilung des Vertrauens stammen aus dieser Auswertung.
Der Anstoss zu diesem Artikel kam aus dem LinkedIn-Beitrag von Andreas Dietrich zur Auswertung; die drei Ableitungen für Banken (Vorsprung nicht als selbstverständlich betrachten, KI für Routine und Information, Beziehung über den fest zugeordneten Berater hinaus) sind von dort übernommen und erweitert.
Die Deutung als Verfügbarkeitslücke, der Ablauf von der Frage zum Termin und der Verfügbarkeits-Test sind eigene Ergänzungen auf Basis von Calenso-/jrni-Projekterfahrung im Retail Banking (2024–2026) sowie der in diesem Blog dokumentierten Beobachtung, dass ein grosser Teil der Online-Terminbuchungen ausserhalb der Geschäftszeiten stattfindet.
Ans Team weitergeben
Drei Dinge, die eine Bankleitung nach dieser Zahl diese Woche prüfen kann:
- Den Verfügbarkeits-Test machen. Sonntag, 22:40, eine Vorsorgefrage auf dem Handy. Wie viele Schritte und wie viele Stunden bis zu einem bestätigten Gespräch mit einem Menschen der Bank? Das ist die Zahl, die über die 0,1 Punkte entscheidet.
- Den KI-Assistenten an den Kalender anschliessen. Jede Entscheidungsfrage («Welcher passt zu mir?») endet mit einem Terminangebot — nicht mit einem Link zur Filialsuche. Der Dialog reist mit.
- Auf Teams routen, nicht auf Personen. Vorsorge, Hypothek, Anlage, Service — jedes Team mit eigenen Abendfenstern. Ein einzelner Berater ist nie verfügbar genug, um mit einer KI zu konkurrieren. Ein Team schon.
